SPD fordert Transparenz beim Rückbau und der Entsorgung des Versuchsreaktors in Jülich

Guido van den Berg MdL und Jürgen Streich am Reaktor der AVR Jülich
Oberhalb der dicken Schrauben befindet sich der "Übeltäter" beim Störfall von 1978, der Wärmetauscher, durch den es zu einem Wassereinbruch in den gasgekühlten Reaktor kam.
Dierk Timm, Dr. Rainer Moormann, Jürgen Streich, Guido van den Berg MdL (v.l.)
Dierk Timm, Dr. Rainer Moormann, Jürgen Streich und Guido van den Berg MdL beim Pressegespräch
Atom-Testreaktor in Jülich
Kugelhaufenreaktor in Jülich

Am 04.09.2013 fand ein exklusives Pressegespräch mit Pulheimnews.de statt. Dr. Ernst Hoplitschek berichtet am gleichen Tag im Artikel: "SPD fordert Transparenz beim Rückbau und der Entsorgung des Versuchsreaktors in Jülich" hierüber:

"„Es geht um die Sicherheit der Bevölkerung!“ SPD fordert mehr Transparenz beim Rückbau und der Entsorgung des Versuchsreaktors Jülich – Heute bat die SPD im Kreis zu einer Pressekonferenz, um ihre Sorgen und Forderungen zu diesem Thema zu erläutern. Gekommen waren: Der SPD-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Guido van den Berg, der stellv. Fraktionsvorsitzende im Kreistag des Rhein-Erft-Kreises und SPD-Direktkandidat bei den Bundestagswahlen im Wahlkreis 91 am 22.09.2013, Dierk Timm. Teilnehmer weiter waren der Autor und freie Journalist Jürgen Streich und der Reaktor-Sicherheitsexperte Dr. Rainer Moormann; beide widmen sich seit langer Zeit sehr intensiv der Causa Versuchsreaktor.

„Großes Interesse! aus Gründen der Sicherheit!“

Guido van den Berg machte in seiner Einführungsrede deutlich, dass der Standort der Anlage zwar außerhalb des Rhein-Erft-Kreises sei, aber wegen der Nähe zur Kreisgrenze – Elsdorf liegt wenige Kilometer entfernt – sei dieses Thema von „großem Interesse aus Gründen der Sicherheit" auch für die Kreis-SPD. Dann erläuterte Jürgen Streich, wie er zu dem Thema fand. Im Rahmen eines Vortrags seien ihm Ungereimtheiten aufgefallen, denen er immer intensiver nachgegangen sei. Schließlich, nach Bekanntwerden der ersten Informationen zum Stilllegungskonzept des am 31.12.1988 abgeschalteten Reaktors, habe er angefangen, systematisch zu recherchieren.

Das „Aus“ nach 21 Betriebsjahren

Dr. Rainer Moormann machte dann im Detail Ausführungen zu den Problemlagen beim Rückbau und der Entsorgung der Anlage. Der „Kugelhaufenreaktor“, der Schätzungen nach bis zu 125 Mio DM gekostet haben könnte, hatte eine Nettoleistung von 13 Megawatt und erstmals 1961 „kritisch“ bewertet wurde, speiste erstmals 1967 Strom ins Netz. Zur Konzeption gehörte auch, die Eignung zur „Kohlevergasung“ anzustreben; dazu hätte man als „Rohstoff“ die nahe gelegene Braunkohle genutzt; letztendlich wurde dieses Ziel aber nicht erreicht, da der erwünschte elektrische Wirkungsgrad von 38 Prozent nicht erreicht wurde. Nach 21 Betriebsjahren kam das „Aus“, und ein Stilllegungskonzept wurde erarbeitet.

„…höchste aller Reaktoren weltweit!“

Hierzu machte Dr. Moormann, der im Jahre 2011 mit dem „Whistleblower-Preis“ ausgezeichnet wurde, besonders kritische Anmerkungen: Im Jahre 2006 habe man zwar eine 60 x 40 Meter große Materialschleuse aus Stahl vor dem Reaktorgebäude errichtet, aber große Probleme ergäben sich beim Zwischenlagern des Reaktorbehälters für einen langen Zeitraum nahe dem Standort („60 Jahre!“) und der starken Kontamination des „Kühlkreislaufs“. „Wie will man denn ohne Risiko einen mit 500 Kubikmeter Porenbeton gefüllten und 2.100 Tonnen schweren Reaktorbehälter mittels Kräne aus seinem Fundament hieven?“ so Dr. Moormann. Und: Die Betreiber hätten selbst eingeräumt, dass die ß-Kontamination (Strontium!) des Reaktors sogar die „höchste aller Reaktoren und Nuklearanlagen weltweit“ sei und in einer „sehr ungünstigen“ Form, nämlich „staubgebunden“, vorläge.

SPD: „Strikte Transparenz und Einstellung aller Fördermittel!“

Wegen dieser Gefahren forderte Dierk Timm einmal eine „strikte Transparenz“ und die Einstellung jedweder finanzieller Förderung der Anlage. So sind, dies geht aus einem Antwort-Schreiben des Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie an Guido van den Berg hervor, an die RWTH 167.515,- Euro zur Erforschung des Themenkomplexes „Transport, Ablagerung… von „graphitischen Staubes“ geflossen; weitere Anfragen des Abgepordneten bei den zuständigen Stellen auf Landesebene hätten ergeben, dass aufgrund des Koalitionsvertrages der neuen Landesregierung die Projektförderung unter dem Stichwort „Sicherheitsforschung“ 2011 ausgelaufen sei. – Zum Schluss wies Jürgen Streich noch auf die Risiken bei den Flugrouten nahe der Anlage hin und erinnerte an viele Beinahe-Katastrophen auch durch Militärmaschinen in früheren Jahren."

Der Kölner-Stadt-Anzeiger berichtet am 19.09.2013 über den Besuch des SPD-Landtagsabgeordneten Guido van der Berg in Jülich im Artikel: "Politiker zu Gast bei AVR" von Norbert Kurth:

"Der Versuchsreaktor im ehemaligen Kernforschungszentrum Jülich bilde für die Menschen eine große Gefahr, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete Guido van den Berg nach einem Besuch der Anlage. Bis heute sei die Zwischenlagerung der 300.000 Kugel-Brennelemente aus dem 1978 havarierten Hochtemperaturreaktor ungeklärt. Das Kraftwerksgebäude gelte "als die am stärksten mit Strontium 90 verseuchte Atomruine der Welt". Van den Berg: "Wir dürfen nicht zulassen, dass wir für die kommenden Jahr hier ein gewaltiges Risiko in unserem dicht besiedelten Raum bestehen lassen."

Steuergelder

SPD-Bundestagskandidat Dierk Timm bemängelt, dass immer noch Steuergeld für den gescheiterten Hochtemperaturreaktor ausgegeben werde. Es sei jetzt wichtig, die Anlage vor Kerosinbränden, etwa bei Flugzeugabstürzen, sowie gegen Erdbeben zu schützen. Denn das Zwischenlager, in dem die Brennelemente in 152 Castoren gelagert sind, hat den Stresstest nicht bestanden, auch weil es keine Gewähr gegen Flugzeugabstürze und Kerosinbränden bietet. Zudem sei das Lager nicht erdbebensicher.

"Der Jülicher Atomunfall"

Begleitet wurden die beiden SPD-Politiker von dem Frechener Buchautor Jürgen Streich und dem Reaktorsicherheitsexperten Dr. Rainer Moormann. Beide arbeiten an einem Buch mit dem Titel "Der Jülicher Atomunfall". Darin berichten sie über den "jahrzehntelang vertuschten schweren Störfall vom 13. Mai 1978", den hoch komplizierten Abbruch des Versuchsreaktors und die bis heute ungeklärte Zwischenlagerung.

3000 Millionen Euro

1978 hatte ein Leck im oberhalb des Reaktors angebrachten Wärmetauscher zu einem Wassereinbruch in den gasgekühlten Reaktor geführt. Kompliziert sei das Auseinandernehmen der Anlage einschließlich des Druckbehälters, weil sich im Innern des Reaktors noch 197 zerstörte oder zerstäubte Brennelemente befinden, die damals einbetoniert wurden. Die damit beauftragte Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor (AVR) berichtet, dass die Kosten für die Beseitigung der Anlage immens stiegen. AVR-Geschäftsführer Ulrich Schäffler schätzt die Kosten, die anfangs auf 300 Millionen Euro beziffert wurden, auf inzwischen mehr als eine Milliarde Euro.

Nicht mehr Krebsauswirkungen auf die Gesundheit durch den Reaktor in Jülich sieht das Epidemiologische Krebsregister NRW nicht. Es hat eine Anfrage der Elsdorfer Stadtverwaltung, ob es in der Umgebung des Kernforschungszentrums eine bedeutsame Erhöhung der Zahl von Krebsneuerkrankungen gegeben hat, negativ beantwortet. Dazu wurden Daten aus den Kreisen Rhein-Erft und Düren von 2008 bis 2010 ausgewertet und mit dem Regierungsbezirk Münster verglichen, wo die neuen Fälle von Krebs seit einigen Jahren erfasst werden."