„Soll der Postbote künftig etwa den gleichen Krankenkassenbeitrag wie der Bankdirektor zahlen?“

Hannelore Kraft im Gespräch mit dem Post-Betriebsratschef Wolfgang Host (l.) Guido van den Berg und Guntram Schneider (r.).
Hannelore Kraft im Gespräch mit dem Post-Betriebsratschef Wolfgang Host (l.) Guido van den Berg und Guntram Schneider (r.).

Die Kölnische Rundschau berichtet im Artikel: „Aufstieg durch Bildung – SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft vor 700 Postzustellern“ von Manfred Funken am 13.04.2010:

"Die Postler sind selbstbewusst. Gut 20 Minuten lassen sie im Bergheimer Medio Gastrednerin Hannelore Kraft, die Spitzenkandidatin der SPD bei der NRW-Landtagswahl, warten. Rund 700 Brief- und Paketzusteller haben sich im Medio Bergheim zur Teilbetriebsversammlung Auslieferung der Niederlassung Brief Köln-West versammelt.
Betriebsratsvorsitzender Wolfgang Host hält Kraft und ihre Begleiter im Foyer des Medio bei Laune. Die Kandidatin geht mit dem SPD-Kreisvorsitzenden Guido van den Berg noch einmal kurz ihr Redemanuskript durch. „Jetzt wird es langsam eng“, sagt die Spitzenkandidatin. Holst entschuldigt sich mit Bussen, die im Berufsverkehr stecken geblieben sind. Schließlich kommen die versammelten Zusteller aus dem weitläufigen Großraum Köln und Aachen. Seit 9 Uhr arbeiten sie ihre Tagesordnung ab.

Hannelore Kraft kommt schließlich doch noch dran. Schnell trifft sie den Nerv der Versammlung, indem sie Themen anspricht, die genau auf Zuhörerschaft zugeschnitten sind: Sie fordert tarifliche Mindestlöhne, ist gegen die Mehrwertsteuer auf Leistungen im Universalpostdienst und gegen die Aneinanderreihung von Zeitverträgen.

Sozial ausgewogene Bildungschancen, die den Aufstieg ermöglichen, solide Finanzierung der Kommunen und verbesserte Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt sind die Schwerpunktthemen im Wahlkampf. Dem politischen Gegner wirft Kraft die „Entsolidarisierung der Sozialversicherungssysteme“ vor. Die Kandidatin erntet Beifall.

DGB-Mann sieht SPD wieder auf Kurs

Im Gefolge hat Kraft den Mann, den sie gerade in ihr Schattenkabinett aufgenommen hat. Guntram Schneider, DGB-Landesbezirksvorsitzender NRW, soll im Falle einer Düsseldorfer Wachablösung das Ressort Arbeit und Soziales übernehmen. Er habe lange überlegt, ob er den Job annehmen soll, gesteht Schneider den Postlern. Das Verhältnis der Gewerkschaft zur SPD sei ja in den vergangenen Jahren nicht gerade ungetrübt gewesen. Die Berufung durch Kraft werte er nun aber als wichtiges Signal: „Die SPD hat verstanden, dass sie die Rechte der Arbeitnehmer wieder in den Mittelpunkt rücken muss.“

Die Frage, was NRW-Spitzenpolitiker bei einer Betriebsversammlung suchen, außer dass sie einer Einladung folgen, erklärt Schneider simpel: „Zusteller sind hervorragende Multiplikatoren: Gehen Sie hinaus in Ihre Bezirke und sagen Sie den Leuten, was Sie heute hier gehört haben.“ Und für die Zusteller, die Briefe und Pakete bei Familie Rüttgers in Pulheim zustellen, hat er noch einen Tipp: „Wahrt das Postgeheimnis, aber sucht ein bisschen drum herum."“

Der Kölner-Stadt-Anzeiger vom 14.04.2010 berichtet im Artikel: "Arbeitnehmer im Mittelpunkt" von Norbert Kurth:

"Mit der Forderung nach flächendeckenden Mindestlöhnen traf Gastrednerin Hannelore Kraft den Nerv der Postmitarbeiter. Gut 700 Zusteller für Briefe und Pakete waren der Einladung der Arbeitnehmervertretung zur Betriebsversammlung in das Bergheimer Medio gefolgt. Einer der Tagesordnungspunkte: Rede der nordrhein-westfälischen SPD-Vorsitzenden. Kraft musste sich zunächst gedulden, denn die Busse mit den Besuchern aus dem gesamten Bereich der Post-Niederlassung Köln-West hatten sich im dichten Berufsverkehr leicht verspätet. Doch die SPD-Chefin wartete auf die Postler und zog sie dann sehr schnell in ihren Bann.

Sie forderte nicht nur den Mindestlohn, sondern wetterte auch gegen die Aneinanderreihung von Zeitverträgen und die Ausweitung unsicherer Arbeitsverhältnisse. „Armutslöhnen und prekären Beschäftigungsverhältnissen muss ein wirksamer Riegel vorgeschoben werden.“ Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und Arbeits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann hätten dies zwar auch angekündigt, ihren Worten aber keine Taten folgen lassen. Mit Blick auf die Post-Beschäftigten sagte Kraft: „Wir dürfen nicht akzeptieren, dass Konkurrenten der Deutschen Post ihr Geschäftsmodell auf Minilöhnen aufbauen.“ Mit CDU und FDP würden Hotelbesitzer und reiche Erben mit Steuergeschenken versorgt, so Kraft. Und der Postbote müsse die gleiche Kopfpauschale wie der Bankdirektor zahlen, sagte die SPD-Chefin zum Thema Gesundheitsversorgung.

Dass die NRW-SPD die Rechte der Arbeitnehmer wieder in den Mittelpunkt ihrer Politik stellen will, ist für viele aus der Nominierung von Guntram Schneider, dem DGB-Landesvorsitzenden, erkennbar. Schneider soll im Falle eines Wahlsieges das Ressort Arbeit- und Soziales übernehmen."